Ist das Kunst?

Cartoonisten arbeiten unter anderen Produktionsbedingungen als „freie“ Künstler. In meinem Fall werden sie definiert von der Aufgabe, jede Woche eine großformatige witzige Farbzeichnung für eine große Programmzeitschrift anzufertigen. Die „Kern-Zielgruppe“ ist die relativ gebildete und gut verdienende Generation ab 40 Jahren. Die Zeitschrift liegt aber auch bei Familien im Wohnzimmer und wird von älteren Akademikern bei der Auswahl ihrer Radiosendung konsultiert. Insgesamt sind es bis zu vier Millionen Leser/innen, die ich mit Humor und Satire zu unterhalten versuche.

Meine künstlerische Freiheit wird eingehegt durch die Aufgabe, in meinen Zeichnungen die Welt der Leserschaft zu spiegeln.
Dabei muss ich auf den allgemeinen Informationsstand Rücksicht nehmen: Witze, die erklärt werden müssen, funktionieren nicht. Ich kann nur Dinge als bekannt voraussetzen, die Bestandteil unserer Alltagskultur oder in den Massenmedien bereits thematisiert worden sind.
Auch auf der formalen Ebene muss sich ein Cartoon an gestalterische Grundregeln halten. Er muss so leicht lesbar sein, dass der Inhalt in Sekundenschnelle erfasst werden kann. Das erfordert Klarheit in Aufbau und Zeichenstil. Die Atmosphäre im Bild, besondere Lichtstimmungen oder die Ausgestaltung einzelner Details unterstützen die erzählte Geschichte wie die Band oder das Orchester den Liedtext.

Illustrare heisst erleuchten

Illustrationen haben ein noch engeres Korsett, speziell, wenn sie für die Werbung entstehen. Bei grösseren Etats gibt es ganz klare Konzepte und Skizzen der Agentur als Vorgabe. Die Kunden wollen den Prozess in die richtigen Bahnen lenken können. Bei der Kampagne des Hamburger Verkehrsverbundes beispielsweise waren nicht nur Zeichenstil und Motiv vorgegeben, sondern Agentur und Kunde haben die einzelnen Arbeitsschritte abgenommen. Aber auch bei kleinen Aufträgen wie Buchcovern bekommen die Illustratoren häufig ein "Briefing", in dem die Vorstellungen des Verlages aufgelistet sind. Illustratoren sind fast immer Teil eines Teams, auch wenn sie bei ihrer Arbeit allein am Zeichentisch sitzen. Am grössten ist ihre Freiheit dort, wo am wenigsten Geld zu verdienen ist.